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    Blogbeitrag Sabine Kunst

    RAUM -

    Eine Geschichte von Pause, Achtsamkeit & Heimkommen

     

    „Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

    Viktor E. Frankl

    Auf der Suche nach Raum war ich schon eine Weile gewesen. Ich liebte meinen Job. Die Arbeit mit den Schülern, die Zusammenarbeit im Kollegium. Das Kreieren, das Wachsen und Verändern. Trotzdem gab es im Ganztag als Lehrerin und Stufenleitung an einem kleinen Gymnasium der internationalen Schule kaum Zeit zum persönlichen Rückzug. Ich war immer da. Greifbar. Immer on. Wir alle waren das. Einziger Zufluchtsort vor dem Trubel, dem Lärm und den Fragen war da mein Büro, das ich mir glücklicherweise mit einer Kollegin teilen durfte. Es erlaubte mir von Zeit zu Zeit während der Mittagspause für ein paar Momente die Beine hochzulegen und die Augen zu schließen. Kurz mal weg sein, auf Pause drücken, bis es wieder weiterging.

    Was aber war mit den anderen Kollegen und Schülern? Ein geräumiges Lehrerzimmer oder gar eine Ruhe-Oase für die Kids gab die Raum-Kapazität des Gebäudes nicht her. Dabei hätten sich doch viele ab und an mal ein paar Minuten der Stille und des neu Auftankens gewünscht. Immer wieder nahm ich durch Gespräche und Beobachtungen wahr, wie meine Kollegen und Schüler mit verschiedenen Stressoren zu kämpfen hatten, die der Alltag in Heim und Schule so mit sich brachte. Mir ging es da nicht besser. Wir saßen scheinbar alle im gleichen Boot. So stellte ich mir bereits früh die Frage: Wie soll man Raum schaffen, wenn es an der Quadratmeterzahl fehlt? Wie kann ich Stille finden, wo heiterer Trubel herrscht?

    Geleitet von meiner eigenen Neugier stieß ich immer wieder auf Berichte von Schulen im Ausland und deren Ansätze im Umgang mit Alltagsdruck. Dabei wurde ich bereits früh auf ein interessantes Projekt in San Francisco aufmerksam. Eine progressive Highschool in einem der Brennpunktviertel hatte dort zu Beginn des Unterrichtes und am Ende des Schultages Meditations-Zeit eingeführt. Schülern war es freigestellt, sich an der 10-minütigen Stille zu beteiligen. Ganz ohne Zwang bestand somit das Angebot, sich in der Früh und am Nachmittag eine Zeit des 'Herunterkommens' zu schenken. Wollte ein Schüler nicht teilnehmen, so galt die Regel, sich lautlos, zum Beispiel mit Lesen, zu beschäftigen, um die Ruhe der Anderen nicht zu stören. Was sich an dieser Schule also nach und nach einspielte waren zwei Phasen der Stille. Zweimal täglich die Möglichkeit für Schüler und Lehrer dem Gedanken- und Gefühlswirrwarr Einhalt zu gebieten. Einfach mal nichts hören, nichts tun, niemand sein. Mit verblüffendem Resultat: die Zahl der Drop-outs, der Schulabgänger, und der Vergehen während des Schulalltags nahm rapide ab, und die akademischen Leistungen der Schüler bewegten sich stabil nach oben. Das faszinierte mich. Ich war zwar nicht an einer Großstadtschule mit Schülern aus überwiegend sozial schwachen Familien tätig, aber Brennpunkte, so spürte und sah ich, gab es doch in so vielen von uns - aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichem Ausmaß. Als Kind internationaler Familien immer wieder die Freunde verlassen zu müssen, mit der Trennung der Eltern klarkommen, sich voll Akzeptanz mit den Veränderungen seines heranwachsenden Körpers auseinandersetzen, oder den Anforderungen in der Schule gerecht werden ... irgendwo konnte es doch immer brennen.

    So fing ich damals schon im Kleinen an mit meiner fünften Klasse kurze Augenblicke der Entspannung in den Unterricht miteinzubauen. Für ein paar Momente die Augen schließen, sich ab und an für eine Entspannungsreise auf den Tisch legen und der Stille lauschen. Das tat uns allen gut - mir nicht weniger als den Schülern. Es war schön zu sehen, wie sich die Anspannung in den jungen Gesichtern löste. Das nahm auch ich automatisch als befreiend und entspannend wahr. Ich investierte nur wenige Minuten unseres doch meist sehr straffen Zeitplans und wurde mit mehr Aufmerksamkeit und Wachheit danach in mir und bei den Schülern beschenkt. Das lohnte sich, das war mir klar. Mittlerweile habe ich einen Namen für diese kurzen Entspannungsphasen: Mini-Urlaube. Immer ein last-minute-Angebot sozusagen

    Irgendwann war es dann an der Zeit für mich, mir persönlich noch mehr Raum zu gönnen. Ich widmete mich meiner natürlichen Sehnsucht nach Reisen. So schenkte ich mir Zeit für meine Neugier, eine Pause vom Alltag in Bayern und zog hinaus in die Welt, um dort selbst wieder einmal Schülerin zu sein. Zu entdecken. Zu lernen. Neue Räume zu erkunden: um mich herum und in mir. Neugierig machte ich mich auf die Suche nach Wegen, die mich in eine Pause führen würden. Und so begab ich mich, ohne es anfangs zu wissen, auf eine Reise, die mich nicht nur von West nach Ost, sondern letztendlich zu intoPAUSE und THE PAUSE PROJECT führen sollte.

    Ich verbrachte mehrere Monate in den USA und gelangte dann über den Mittleren Osten nach Südostasien, wo ich für fast ein ganzes Jahr in Nordthailand lebte. Der sanfte Norden beschenkte mich ab dem ersten Tag mit der Möglichkeit, vollkommen und ohne bewusstes Zutun in ein achtsames Leben einzutauchen. Mit jedem Tag kehrte ich mehr zurück zu mir. In der Ferne richtete ich meinen Blick weiter nach innen.  So begann ich das, was mein Kopf aus der westlichen Praxis, aus Trainings und Büchern, bereits wusste, schrittweise zu spüren und zu verkörpern

    Ich bildete mich im Bereich Achtsamkeit in der Schule weiter und hatte durch mein Tun und Sein in Thailand die Möglichkeit den westlichen, säkularen Ansatz der Achtsamkeit mit den stark in der östlichen Kultur verwurzelten Traditionen zu vereinen. So füllte ich das theoretische Gerüst des wissenschaftlichen amerikanischen Ansatzes mit den Jahrtausendealten Weisheiten des Buddhismus. Ich durfte am eigenen Leib spüren, was es hieß, achtsam im Moment und ohne fortwährendes Bewerten zu leben. So lernte ich nicht nur von Neurowissenschaftlern und Pädagogen, sondern von buddhistischen Mönchen mit denen ich durch meine Tätigkeit als volunteer teacher an der städtischen Buddhistischen Universität viel wertvolle Zeit verbringen durfte.

    Und so kam es dazu, dass ich das, was zunehmend in mir wuchs, was ich Schritt für Schritt mehr leben und verstehen konnte, nach außen trug und weitergab. Ich begann an Schulen und in Lernzentren Achtsamkeitstrainings anzubieten, leitete achtsame Familien-Gruppen, hielt Vorträge und organisierte meine ersten Retreats.

    Schnell spürte ich, dass diese Arbeit wachsen wollte. Sie sollte nicht im Sand verlaufen oder nur ein Ausprobieren sein. Nein. Es war viel mehr.

    Endlich hatte ich den Raum gefunden, auf dessen Suche ich so lange gewesen war. Doch brauchte es keine vier Wände dazu. Der Raum lag in mir. Wie in jedem von uns. Bei mir wuchs er schrittweise zu dem heran, was intoPAUSE und THE PAUSE PROJECT heute sind. Mein persönlicher Ansatz für mehr Pause im Kopf. Meine Idee davon, Wege aufzuzeigen, die uns in einen Raum der Stille und des Hineinhörens führen können.

    Ich denke, ich kann sagen, dass der Stimulus, der Reiz auf diesem Weg, mein Drang nach Neuem war. Auch ein wenig die Müdigkeit dem Alten gegenüber. Mein Response - meine Reaktion darauf - war und ist das, was intoPAUSE heute ist. Nur aufgrund der mir bewusst geschenkten Pause - des Raumes zwischen Reiz und Reaktion - konnte Neues wachsen. Denn dort liegt meine Wahl. Diese Wahl muss ich jeden Tag neu treffen. Im September 2014 war es mein gepackter Koffer, was es heute oder morgen sein wird, weiß ich erst, wenn ich mir ein paar Minuten Pause gönne. Einatmen. Ausatmen.

    Khob khun maak kaa, Thailand.

     


    Sabine Kunst ist Gründerin von intoPAUSE und THE PAUSE PROJECT. Damit bringt sie Yoga und Achtsamkeitstraining an Grund- und Mittelschulen in Süddeutschland und ins Ausland (momentan Schweiz und Montenegro). Neben Klassenzimmertrainings und Workshops für Schüler hält sie Fortbildungen für Lehrer, Erzieher und Eltern sowie Einzeltrainings für Jedermann. In den letzten zwei Jahren hat Sabine sehr viel mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Mehr über ihre Arbeit erfahrt ihr hier (bitte verlinken zu www.intopause.com)

     


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